Tuesday, November 15, 2005

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Wohnzimmer einer Dreizimmerwohnung. Mehrfamilienhaus in einer niedersächsischen Kleinstadt. Die Einrichtung strahlt Gemütlichkeit und Lebensfreude aus. Kinderspielsachen liegen auf dem Boden. Auf einem Tisch stehen ein Strauß Blumen und eine Flasche, in Geschenkpapier verpackt.
Darja und Hermann, leicht alkoholisiert wirkend, sind gerade von ihrem Ausflug zurück. Sie zieht ihre Jacke aus, wirft sie lässig in einen Sessel. Die Stimme von Hermann, der seine Mutter verabschiedet, aus dem Flur.

Hermann: Danke, noch Mal! Grüß den Vater! Fahr vorsichtig! Wir besuchen euch am Wochenende. Bis bald!

Hermann kommt ins Zimmer, lässt sich auf das Sofa fallen. Darja geht leise in das Zimmer ihres zweijährigen Sohnes. Kommt nach einem kurzen Augenblick zurück.

Darja: Schläft.
Hermann: Vor einer halben Stunde war er noch munter. Die Gute war am Ende ihrer Kräfte. Dein Sohn hat sie den ganzen Tag lang beschäftigt. Ich wollte sie nach Hause fahren. Wirke ich betrunken?
Darja: Deine höfliche Mutter wollte keine Umstände machen.
Hermann: Hoffentlich kommt das Taxi.
Darja: Deine vorbildliche Mutter.
Hermann: Dich hat sie in ihr Herz geschlossen. Und deinen Sohn liebt sie.
Darja: Du sagst immer noch: dein Sohn.
Hermann: Ich finde es lustig.
Darja: Es klingt wie ein Vorwurf.
Hermann: Du bist empfindlich an dem Punkt.

Hermann nimmt das Geschenk der Mutter vom Tisch, entfernt das Geschenkpapier von der Weinflasche und öffnet sie. Darja holt Gläser aus dem Wohnzimmerschrank. Hermann schenkt ein. Sie stoßen an.

Hermann: Das ist Mutterliebe in ihrer reinsten Form.
Darja: Die Wohnung kommt mir so klein vor. Ich bin betrunken.
Hermann: Deine wunderschönen Augen haben sich an die unermessliche Weite des Steinhuder Meeres gewöhnt.
Darja: müde Ich wünsche mir, dass du bald auch meine Sprache lernst.
Hermann: Schon wieder ein Wochenende vorbei! Wenn ich neben dem Unterricht mehr Zeit hätte: Klassenarbeiten, Hefte korrigieren, Elternabende, Konferenzen. Das wird ein Herbst!
Darja: Ich kann mich mit deiner Mutter unterhalten. Deshalb mag sie mich.
Hermann: Gut, also lass uns noch einen Unterrichtsplan für mich machen. Ich verspreche dir, dass ich nicht schwänze.
Darja: Wir fangen sofort an.
Hermann: Zwischen Tür und Angel kann ich keine fremde Sprache lernen.
Darja: Unter welchen Umständen ich Deutsch gelernt habe, bevor ich dich kennen lernte.
Hermann: Wer reist ohne Wörterbuch ins Urlaubsland? Bei dir bestand eine dringende Notwendigkeit.

Schweigen. Hermann räkelt sich auf dem Sofa.

Darja: Du hast mich.
Hermann: Und du hast mich. Es ist einfacher, eine fremde Sprache im fremden Land zu lernen.
Darja: Vielleicht möchte ich, dass wir eines Tages in meine Heimat ziehen.
Hermann: Gut.

Schweigen.

Hermann: Wie lange wird es wohl noch dauern, bis der Krieg da vorbei sein wird?
Darja: Wie lange dauert Wahnsinn?
Hermann: Manchmal bis zum Tod.
Darja: Und daraus folgt neuer Wahnsinn. Es wird noch dauern, bis du meine Familie kennen lernst.
Hermann: Heute vor einem Jahr, wie die Zeit vergeht, warst du nicht sehr traurig, als keiner von ihnen zur Hochzeit kam?
Darja: Nein.

Schweigen.

Darja: Ich muss dir endlich die Wahrheit sagen. Ich hoffe, du verzeihst mir.
Hermann: Schon verziehen.
Darja: Warte!
Hermann: Du machst mich neugierig.
Darja: leise Ich hatte sie nicht zu unserer Hochzeit eingeladen.
Hermann: Sie wussten nichts davon?
Darja: Es ist bei uns nicht üblich, nach nur einem kurzen Jahr der Trauer wieder zu heiraten. Und einen Ausländer!
Hermann: Das verletzt mich, aber es ist nicht deine Schuld.
Darja: Ich bin froh, dass ich es dir endlich gesagt habe.
Hermann: Ich muss dir auch etwas gestehen. Meine Familie denkt, du bist hier wegen des Geldes. Sie denken darüber nach, wie sie verhindern können, dass wir etwas erben. Nur meine Mutter denkt anders.

Schweigen.

Darja: Es ist alles in Ordnung. Ich bin nur schockiert. Aber sie ist gut.
Hermann: Wie eng das alles ist. Grausam eng.
Darja: Ja, sie verhalten sich wie Kinder.
Hermann: Eine meiner Schülerinnen hat einen interessanten Aufsatz geschrieben.
Darja: Erzähl!
Hermann: Ein junges Mädchen bewundert ihren Freund. Sie gehen zusammen aus. Nach einiger Zeit sagt ihr Freund zu ihr: du, hier sind nicht die richtigen Leute. Sie schaut sich aufmerksam um und bestätigt seine Meinung. Dann gehen sie woanders hin. Wieder sagt er nach einiger Zeit zu ihr, du, hier sind nicht die richtigen Leute. Und wieder bestätigt sie seine Meinung und bewundert ihn noch mehr, weil er so kritisch und besonders ist. Einige Zeit lang wiederholt sich derselbe Vorgang immer wieder bei anderen Leuten, an anderen Orten. Bis er eines Tages ausgehen will und sie ihn unwillig fragt, wann sie denn endlich die richtigen Leute treffen werden. Er ist beleidigt. Wirft ihr vor, dass sie immer nur andere Leute kennen lernen will.
Darja: Welche Note hast du ihr gegeben?
Hermann: Eine zwei.
Darja: Mir gefällt der Schluss nicht. Sie sollte schreiben: er will mit ihr ausgehen, sie kommt nicht zur Verabredung, er ruft sie an und sie sagt: geh allein, ich habe die richtigen Leute gefunden. Welche Note hättest du für diesen Schluss gegeben?
Hermann: Das hängt von der Anzahl der Rechtschreibfehler ab.

Schweigen.

Darja: Interessiert dich nicht, ob sie es inzwischen wissen?
Hermann: Das wollte ich gerade fragen.
Darja: Meine Mutter sendet dir ihre herzlichsten Grüße. Die anderen schweigen.
Hermann: Wir werden sie überzeugen.
Darja: Ihr Verhalten kränkt mich.
Hermann: Nichts ist schlimmer, als von der Meinung anderer abhängig zu sein.
Darja: Dafür liebe ich dich. Wie sagt man, sind die Norddeutschen?
Hermann: Intelligent, gut aussehend, charmant?
Darja: lachend Das meine ich nicht. Mir fällt das Wort nicht ein.
Hermann: Geduldig.
Darja: Nein.
Hermann: Stur. Mit dem Kopf durch die Wand.
Darja: lacht Stier. Du bist ein Stier.
Hermann: Wir werden sie überzeugen. Das wird ein Triumph unseres Willens. In dem Zusammenhang darf ich das sagen.
Darja: Deine Mutter und meine Mutter haben die Liebe zu ihren Kindern. Was haben die anderen?
Hermann: Kunst. Defensivkunst. Eine Festung aus Misstrauen. Eine Insel in einem schlammigen See. Was weiß ich?
Darja: Wovor haben sie Angst?
Hermann: Sie wollen recht behalten. Ihr Recht, das sind alle ihre Gewohnheiten und Ansichten. Und ihr Besitz. Wie die Festung im See, der Meer genannt wird, und eine Pfütze der Eiszeit ist. So haben sie ihr kleines Bollwerk eingerichtet, gespickt mit Kanonen gegen Eindringlinge. Dieses Museum der Kriegskunst, das von weitem aussieht wie ein Kriegsschiff im Ozean. Die Mächtigen beherrschen die Meere, die Schmächtigen die Pfützen der Eiszeit. Trostlos gleicht sich Geschichte.
Darja: Eine Entbindungsstation als Museum. Gibt es das? Eine andere Geschichte, an die man erinnert.
Hermann: Ach, die Geburt. Wer erinnert sich denn an seine Geburt? Den Tod haben alle vor Augen. Den wollen sie sehen, in jeder Varietät!
Darja: Ich bete dafür, dass meine Familie überlebt. Und wir werden zusammen glücklich.

Schweigen.

Hermann: Ich wünsche mir ein Kind von dir.
Darja: verlegen Ich brauche noch etwas Zeit.
Hermann: Wozu?
Darja: Bitte frag nicht weiter.
Hermann: Schweigen hilft nicht, wir sind soziale Wesen. Dein Schweigen ist für mich ein großes, dunkles Tor. Verschlossen! Dahinter höre ich dein Weinen. Glaub` nicht, dass ich es nicht höre. Öffne dich mir und weine in meinem Arm!
Darja: leise Das ist die Erinnerung. Die eingesperrte Bestie nutzt jede Gelegenheit zur Flucht. Jeden Tag kämpfe ich gegen sie. Das Tor bleibt zu! Ich will nicht zerfleischt werden.
Hermann: Ich will dich noch besser verstehen können.
Darja: Beschreiben kann ich dir mit dem besten Deutsch nicht, was ich gesehen und erlebt habe.
Hermann: Ich werde deine Sprache lernen. Ich schwöre es, bei meiner Mutter!
Darja: Wenn ich mir ausmale, was dort täglich geschieht, verliere ich meine Kraft zu leben. Ich habe ein Kind. Wir haben es.
Hermann: Du bist hier in Sicherheit.
Darja: Besser die Bestie stirbt langsam an Nahrungsmangel, als ich durch mein Gewissen. Jetzt weißt du`s: ich mache mir Vorwürfe.
Hermann: Man müsste schlimme Erlebnisse löschen können wie irgendeine unbrauchbare Datei in einem Computer. Eine technische Art der Psychohygiene.
Darja: Hermann, du suchst für alles eine Lösung, aber hier hilft wirklich nur Geduld.
Hermann: Ich habe nur einen Wunsch geäußert.
Darja: Was nützt es, Persönlichkeit zu löschen, wenn doch das Schreckliche geschehen ist? Nein, alles, was ich gesehen und erlebt habe, bin ich auch. Es gehört zu mir.
Hermann: Du quälst dich unnötig.
Darja: Ich kann nicht anders sein, als ich geworden bin. Meine Sinne sind geschärft. Ich erkenne friedliche Menschen jetzt, unterscheide sie, sogar auf der Straße, im Vorbeigehen. Und manche, die hier scheinbar friedlich leben, sehe ich mit meinen Augen im Kampfanzug, in der Hand die Handgranate, oder Kalaschnikow. Eine bestimmte Art zu gehen, der Gesichtsausdruck, die Augen, wie sie einen anschauen oder vielleicht ihre Stimme, wie sie sprechen. Das reicht schon aus. Den Hang zur Gewalttätigkeit erkenne ich im Vorbeigehen. Manche warten auf die Gelegenheit. Ich sehe, wie Menschen sind.

Schweigen.

Hermann: Hoffentlich ist deine Verweigerung nicht mangelndes Vertrauen.
Darja: Du bist für mich das größte Projekt "Vertrauen" des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich fühle mich geborgen wie ein Kind, seitdem ich dich kenne.
Hermann: Nur des zwanzigsten Jahrhunderts?
Darja: lächelnd Du Unersättlicher. Selbstverständlich auch des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Er schenkt Wein nach, sie trinken.

Hermann: Das Projekt des einundzwanzigsten Jahrhunderts heißt: Liebe, Liebe, und noch mal Liebe. Eine Love Parade!
Darja: Wieso dreimal. Sag doch ganz schlicht: Liebe. Wenn man das so oft wiederholt, klingt es falsch.
Hermann: Das stimmt nicht. Ich mache das Projekt groß, weil ich will, dass alle so glücklich sind wie wir.

Schweigen.

Darja: Ich habe ein schlechtes Gewissen. Wie geht es meinen Freunden, meinen Eltern, Geschwistern?
Hermann: Ihre Entscheidung zu bleiben.
Darja: Nicht alle können davonlaufen.
Hermann: Wie könnten wir noch mehr für sie tun?
Darja: Lebensnotwendiges gibt es oft nur gegen ausländische Währung.
Hermann: Wir schicken regelmäßig Geld.
Darja: Mutter schrieb mir, dass andere Familien, die die größte Not leiden, neidisch auf sie schauen, obwohl sie immer abgibt und verteilt.
Hermann: Diese Schweine! Ich möchte wissen, wer durch Waffengeschäfte heimlich am Blutvergießen mitverdient. Bestimmt auch deutsche Firmen. Die müssen an den Pranger gestellt werden. Schließlich zahlen wir alle nachher die Rechnung von ihrem Geschäft.
Darja: Pranger? Was bedeutet das?
Hermann: Eine leider aus der Mode gekommene Einrichtung. Im Mittelalter gab es eine amüsante Strafe: die Verurteilten wurden auf dem Marktplatz an einen Pfahl gekettet, den Pranger. Jeder konnte sie beschimpfen, anspucken und was man sich vorstellen kann. Damit jeder sich auf seine Weise Genugtuung verschafft.
Darja: Das trifft meistens Unschuldige.
Hermann: Stell dir vor: ein Waffenhändler wie im Wilden Westen am Marterpfahl. Wäre das schön! Und dann Messer werfen. Manche Medien machen das heute noch so. Nur der Marktplatz ist leider ein anderer.
Darja: Nichts gegen die Verbrechen tun zu können. Das ist der Preis für ein sicheres Leben meines Kindes. Ich wünsche sie in die Hölle.
Hermann: Wochenlang sollten sie neben von ihren Waffen zerfetzten Körpern liegen, Verwesung einatmen, und zum Frühstück ein Gläschen ausgelaufene Leichenflüssigkeit!
Darja: heftig Sei still! Dies ist unser Tag, der schön sein soll.

Sie umarmt ihn und beide tauschen Zärtlichkeiten miteinander aus.

Darja: Und die letzten Stunden besonders schön.
Hermann: Oh, das klingt viel versprechend.
Darja: Es gibt Wünsche, die in Erfüllung gehen.
Hermann: Charmant! Bezaubernd! Wundervoll!
Darja: Wie war es eigentlich mit deiner letzten Frau?
Hermann: peinlich berührt Anders natürlich. Ich will mich gar nicht erinnern. Die Art und Weise, wie etwas endet, wirft Schatten auf alles, was schön war. Vergleiche zwischen Menschen finde ich unmenschlich. ärgerlich Wie kannst du mich so etwas fragen?
Darja: enttäuscht Ich dachte, du sagst sofort, dass es mit mir viel schöner ist. Jetzt bin ich neugierig. Sah sie gut aus? Was konnte sie besser?
Hermann: Sie konnte mir besser auf die Nerven gehen. Da habe ich Pickel gekriegt.

Darja kichert.

Darja: Du hast meine Frage tatsächlich ernst genommen. Und wie du aussiehst! Fürchterlich strapaziert.
Hermann: Mein Waterloo. Sie ist einfach abgehauen.
Darja: Vergleich nicht gestattet? Gut, ich höre auf damit. Lass uns lieber anfangen!
Hermann: gezwungen scherzhaft Manchmal denke ich, du entwickelst Lust am bösen Spaß.
Darja: Dein Verhältnis zu ihr ist für mich ein Rätsel. Dieses Tor hältst du verschlossen.
Hermann: So haben wir beide ein Geheimnis. Wie viel weiß ich denn von deinem früheren Mann?
Darja: Manchmal glaube ich, dass du sie insgeheim noch liebst. Hermann: Hältst du mich für irre, oder für schizophren?
Darja: Du reagierst so empfindlich.
Hermann: Der heutige Festtag provoziert dich wohl. Man sollte eben nicht feiern, sich nichts wünschen, und vor allem nicht zurück schauen. Ist alles Geschichte, Kaffeesatz! Ich brauch` jetzt einen Schnaps.
Darja: lachend Wir räumen ein bisschen auf. Bilanz von einem Jahr. Unserem ersten.
Hermann: Ich fühle mich schon sehr aufgeräumt.
Darja: verführerisch Du siehst aber vielmehr verwirrt aus.
Hermann: Weil du mich auch nach einem Jahr noch wie am ersten Tag mächtig aus der Fassung bringen kannst.
Darja: Meine Grenzen sind nicht eng, und meine Möglichkeiten auch nicht.

Sie tauschen Zärtlichkeiten aus, die an Heftigkeit zunehmen. Hermann will gleich auf der Couch mit Darja schlafen.

Darja: Das quietscht, Hermann. Das Sofa weckt den Jungen auf.
Hermann: Dieses Möbelstück mache ich morgen zu Kleinholz.
Darja: Ich habe das Bett frisch bezogen, wie vor unserer Hochzeitsnacht.
Hermann: grinst Ehrlich gesagt, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Darja entwindet sich seiner Umarmung, geht zur Schlafzimmertür.

Darja: Warte einen Augenblick. Ich rufe dich.

Darja verschwindet im Schlafzimmer, Hermann schwelgt in einem Zustand der Vorfreude.

Darja: aus dem Schlafzimmer rufend Kannst kommen!

Hermann zögert den Augenblick, bevor er ins Schlafzimmer geht, genießerisch hinaus. Als er hinein gehen will, klingelt es an der Wohnungstür. Hermann bleibt wie erstarrt stehen.

Hermann: Welcher Idiot klingelt um diese Zeit?
Darja: Freunde von dir? Soll ich mir etwas anziehen?
Hermann: Auf keinen Fall.

Es klingelt erneut, eindringlich.

Darja: genervt Vielleicht hat jemand seinen Schlüssel vergessen.
Hermann: Der ist draußen besser aufgehoben.

Es klingelt wieder.

Hermann: Ich habe niemanden eingeladen. Wir machen nicht auf.
Darja: Vielleicht ein Notfall.
Hermann: Der Tüchtige hilft sich selbst.

Es klingelt wieder.

Darja: Jemand weiß, dass wir zu Hause sind.
Hermann: Dieser jemand braucht jetzt einen überzeugenden Grund, sonst wird er erleben, wie ich aus der Haut fahre.

Hermann eilt in den Flur. Darja kleidet sich hastig wieder an. Sie lauscht in Richtung Flur. Hermann kommt ins Wohnzimmer.

Hermann: erstaunt Jemand für dich. Ich habe durch die Sprechanlage nur deinen Namen verstanden.

Darja geht zur Wohnungstür. Hermann bringt vor einem Spiegel seine Kleidung in Ordnung.

Darja: Victor. Er will Grüße übermitteln.
Hermann: Victor?
Darja: Soldat wie mein Bruder. Von der Front.
Hermann: Und, ist er wieder weg?
Darja: Ich habe ihn herein gebeten. Er kommt über die Treppen herauf, der Fahrstuhl funktioniert nicht.
Hermann: Donnerwetter! Kennst du ihn?
Darja: Nein.
Hermann: Ja, und?
Darja: Ich weiß nicht.
Hermann: Will der bleiben?
Darja: Er ist auf der Durchreise. Er wird vielleicht spät in der Stadt angekommen sein und nicht wissen, wo er übernachten soll.
Hermann: Sein Problem.
Darja: horchend Wir müssen einem Freund meines Bruders auf jeden Fall Gastfreundschaft bieten. Er kommt.

Darja verschwindet im Flur. Hermann zündet sich eine Zigarette an, setzt sich auf die Couch und entfaltet die Sonntagszeitung. Darja und Victor kommen herein. Victor begrüßt Hermann in einer fremden Sprache.

Hermann: gestikulierend Guten Abend! Leider spreche ich ihre Sprache nicht. Meine Frau hat schon geschlafen. Sie ist sehr müde.
Victor: Guten Abend! Ich spreche Deutsch.

Hermann legt die Zeitung weg und gibt Victor die Hand.

Hermann: überrascht Das freut mich. Ich habe Sie durch die Sprechanlage nicht verstanden. Entschuldigen Sie! Bitte, nehmen Sie Platz! Möchten Sie etwas trinken?

Darja hält sich im Hintergrund. Sie wirkt ängstlich. Hermann schaut sie verblüfft an. Victor bemerkt seinen Ausdruck.

Victor: lächelnd Entschuldigen Sie, dass ich so spät komme. Viele Probleme mit dem Auto, und dann bin ich den falschen Weg gefahren. Da habe ich in einem Restaurant gefragt, die haben mir den Weg gezeigt, aber es war wieder der falsche. Gestern Abend bin ich losgefahren. Nur eine kurze Pause, auf der Autobahn Reifen wechseln.
Hermann: Das kann ja mal passieren.

Hermann bietet Victor ein Glas Wein an.

Darja: Ich danke Ihnen, dass Sie einen Umweg gemacht haben, um mich von meinem Bruder zu grüßen. Hoffentlich geht es ihm gut?
Victor: Es geht ihm gut. Er kämpft für seine Heimat.

Schweigen. Darja, verlegen und nervös.

Hermann: Wo haben Sie die deutsche Sprache so gut gelernt?
Victor: Ich habe gearbeitet in Deutschland. Vor dem Krieg.

Schweigen.

Hermann: Wissen Sie, ich bin Pädagoge...
Darja: Geht es Alek wirklich gut, ich meine, ist er gesund?

Victor ist überrascht, dass Darja ihren Mann in seiner Rede unterbrochen hat.

Victor: Ja, er kämpft an der Front. Sie sind Lehrer?
Hermann: Deutsch und Geschichte. Deshalb bin ich erstaunt, wie gut Sie Deutsch können. Morgen beginnt früh mein Unterricht.

Schweigen.

Darja: Gibt es schlechte Nachrichten?
Victor: Nicht für deine Familie.
Darja: Sie sind nicht gekommen, um mir eine...
Victor: Nein. Alle leben. Ich bin froh, dass ich keine Todesnachricht bringen muss.

Victor lacht, Darja entspannt sich.

Darja: Herzlich willkommen, Victor! Jetzt bin ich glücklich. Das ist das schönste Geschenk. Ich möchte feiern.

Sie umarmt Victor. Hermann schaut überrascht zu.

Hermann: Champagner! Jetzt trinken wir Champagner.
Victor: Bitte! Ich bringe Grüße.

Victor zieht eine Flasche Schnaps aus der Manteltasche hervor.

Hermann: Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Schnaps, das war sein letztes Wort!
Darja: gerührt Das ist ein gutes Zeichen. Mein lieber Bruder! Dass er seiner Schwester Schnaps schickt. Der ist so teuer. Bestimmt hat Mutter, um mir zu zeigen, dass die Familie ...

Darja kann vor Rührung nicht weiter sprechen.

Hermann: Zum Glück muss ich morgen nicht zur ersten Stunde in der Schule sein.

Hermann stellt Schnapsgläser auf den Tisch. Victor schenkt den Schnaps ein.

Darja: überschwänglich Ich danke Ihnen noch einmal von Herzen, Victor! am Schnaps schnuppernd Zu Hause mochte ich keinen Schnaps, aber hier duftet er. Wie mein Vater an einem Feiertag. Bitte, Victor, bleiben Sie ein paar Tage bei uns. Ach, ich hatte vergessen, Sie sind ja auf der Durchreise.
Hermann: Ich heiße Hermann. Duzen wir uns?

Hermann bietet Victor seine Hand an. Der greift nach einem Glas.

Victor: Ja, du. In Deutschland sagt man Prost!

Sie stoßen an.

Hermann: Ich freue mich besonders für meine Frau. Sie möchte den Kontakt zu ihrer Heimat nicht abbrechen lassen. Du bist auf der Durchreise?
Victor: Ich fahre nach Berlin und Prag.
Hermann: Über Nacht musst du als unser Gast hier bleiben. Wir wecken unseren Sohn auf, dann kannst du im Kinderzimmer schlafen. Die Reise war bestimmt anstrengend.
Victor: Ich fahre oft.
Darja: Hermann, ...
Hermann: Ein bisschen ausruhen muss jeder Mensch. Immer fahren ist gefährlich. Das hält der stärkste Mann nicht aus. Müdigkeit, zusammen mit Alkohol, bilden eine gefährliche Mischung: man gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer. Da wollen wir uns nicht dran beteiligen, oder?

Victor gibt eine neue Runde Schnaps aus. Sie stoßen erneut an.

Hermann: Prag soll eine schöne Stadt sein. Dass ich noch nicht da war, wundert mich selbst.
Victor: Prag ist für Touristen. Du musst fahren.
Hermann: New York ist meine Stadt. Darja, in den nächsten Schulferien fahren wir mal nach Prag.

Schweigen. Victor gibt eine neue Runde Schnaps aus.

Victor: Prost Prag!
Hermann: Auf Prag!
Darja: kichernd Ich möchte tanzen.
Hermann: Mach dir Musik an! Wenn die Nachbarn wegen der Lautstärke die Polizei rufen, machen wir sie eben wieder aus.

Hermann lacht über seine eigene Courage. Darja kichert, Victor lacht mit. Darja schaltet die Stereoanlage ein.

Victor: Deutsche Polizei gut?
Hermann: Ja, sehr gut. Wenn du das Auto falsch parkst, erwischen sie dich garantiert. Du zahlst hohe Strafgebühren, viel Geld. Hast du ordentlich geparkt?
Victor: Ich habe Geld.
Hermann: Bereichern sich aber Politiker und Wirtschaftsbosse auf unsere Kosten, ist die Polizei blind auf beiden Augen. Die Verbrechen fallen im Polizeidienst nicht auf. Nein, das stört auch den Bürger auf der Straße nicht. Erst, wenn wir Historiker analysieren, was in der Vergangenheit verbrochen wurde, dann setzt es Jammern und Wehklagen. Aber zu spät!

Victor und Hermann lachen und füllen die Gläser. Darja spielt Musik aus ihrer Heimat und tanzt dazu. Victor wirft ihr bewundernde Blicke zu. Hermann und Victor stoßen erneut gemeinsam an.

Hermann: Jetzt muss ich den Champagner trinken. Heute sind wir total international!
Victor: A Votre Santè!
Hermann: Nastrovje!

Hermann geht schwankend in die Küche. Darja fordert Victor zum Tanz auf. Sie tanzen einen Tanz aus ihrer Heimat. Hermann kommt mit der Flasche Champagner und entkorkt sie. Sie stoßen wieder an.

Hermann: Ein Bombengesöff! lacht Ich habe Lust auf Braunkohl mit Bregenwurst. Hirn braucht der Mensch! lacht Adolf Hitler dachte expansiv, aber das Hirn wuchs nicht mit.

Hermann lacht lauthals. Darja und Victor kümmern sich nicht um ihn.

Hermann: Kennt jemand einen Hitlerwitz?
Darja: Hermann, der Kaffee brennt an.

Darja lacht wie vorher Hermann. Victor lacht mit. Hermann nicht.

Hermann: Aber Judenwitze kennt ihr.
Darja: lachend Jetzt tanzt ihr Männer!
Hermann: Und wer führt?
Victor: Wo habe ich diese Musik gehört? Das war vor vielen Jahren. Sie erinnert mich an eine andere Zeit.
Hermann: Dazu soll ich tanzen?

Hermann dreht sich unbeholfen im Kreis. Victor tanzt mit gekonnten Schritten. Darja betrachtet Victors Tanzen anerkennend und lacht über Hermanns unbeholfene Versuche. Hermann gibt nach kurzer Zeit auf, setzt sich und leert ein weiteres Glas Champagner.

Hermann: Die Musik gefällt mir, aber ich habe die Tanzschritte nicht gelernt.
Darja: Komm, ich zeige sie dir.
Hermann: Vorher trinken wir beide auf uns.
Darja: Nein, dann sind wir betrunken.
Hermann: Du willst an unserem Hochzeitstag nicht mit mir anstoßen?
Darja: Komm, wir tanzen!
Hermann: Du willst über mich lachen.
Darja: kichernd Ich lache nicht über dich.

Darja versucht, einen Lachkrampf zu unterdrücken.

Hermann: Ich muss wohl heute noch aus der Haut fahren.

Darja verschluckt sich. Victor hört auf zu tanzen und kümmert sich um sie. Hermann trinkt.

Hermann: Der Husten kommt nicht vom Rauchen. lacht, während Darja hustet.
Darja: zu Victor Danke!

Victor gibt ihr ein Glas Schnaps.

Victor: Das macht alles besser.
Hermann: Gleich ist sie betrunken.

Hermann geht schwankend zur Stereoanlage, um andere Musik zu spielen.

Darja: Es geht schon besser.
Hermann: Spaß muss sein. Für die Nachbarn auch.

Er stellt seine Musik auf maximale Lautstärke.

Darja: Nicht so laut!
Hermann: Alle auf die Tanzfläche!

Hermann tanzt allein. Musik mit Text von: "Als die Römer frech geworden...".

Hermann: Gefällt euch die Musik nicht?
Darja: Ich bin müde, Hermann.
Hermann: Gleich singe ich selbst.
Victor: Deutsche Musikgruppe?
Hermann: Ja, sehr erfolgreich. International.
Victor: Gefällt mir.
Hermann: Ich schenke sie dir. Du hast uns eine so große Freude gemacht, du sollst nicht mit leeren Händen gehen.

Hermann nimmt die CD aus der Stereoanlage und gibt sie Victor.

Victor: Danke!
Hermann: Du kannst sie während der Fahrt im Auto hören.
Victor: Vielen Dank!
Hermann: Hast du ein Abspielgerät im Auto?
Victor: Ein Radio.
Hermann: Willst du damit die CD abspielen? Warte, ich schenke dir das Gerät dazu.

Hermann öffnet einen Schrank und nimmt ein verpacktes Gerät heraus.

Hermann: Zwanzig Watt. Mit Batterien. Original verpackt und unbenutzt. Ideal im Auto. Das probieren wir gleich aus.

Hermann packt das Gerät aus.

Darja: zu Victor Du kannst heute Nacht in unserem Schlafzimmer übernachten. Die Bettwäsche habe ich frisch gewechselt.
Victor: Nein, ich möchte euch nicht stören. Schlafe hier auf dem Sofa.
Darja: Es tut mir leid? Wenn ich meinen Sohn aufwecke, schreit er die ganze Nacht.
Victor: Ich freue mich, dass ich nicht weiter fahren muss.
Darja: Wie lange kannst du bleiben?
Victor: Morgen fahre ich.
Darja: Ich hole Kissen und Decken.
Victor: Danke!

Darja geht ins Schlafzimmer.

Hermann: ärgerlich Es funktioniert nicht.
Victor: Trinken wir?
Hermann: Bevor ich mich aufrege. Kann mir das nicht erklären. Jetzt denkst du, ich will bloß meinen Technikschrott loswerden.
Victor: Nein. Danke.

Sie trinken. Hermann, betrunken, versucht sehr deutlich zu sprechen.

Hermann: Du bist mir sympathisch. An euren Schnaps kann man sich auch gewöhnen.
Victor: Die Flasche muss leer sein.
Hermann: Ihr trinkt das Zeug wie Wasser.
Victor: Das glaube ich nicht.

Darja kommt mit Decken und Bettwäsche und bereitet ein Bett.

Hermann: Beweisen kann ich es dir nicht, weil die Statistiken fehlen. Zwar zweifele ich an jeder Statistik, aber ich kann mir anders keinen Überblick verschaffen. Soll ich von Haustür zu Haustür laufen, die Bürger befragen? Das glaube ich nicht, ist nicht einleuchtend. Beweisen muss man können, wenn man etwas behauptet. Das ist ein Grundprinzip wissenschaftlicher Arbeit. Wo kommen wir hin, wenn jeder alles behaupten kann, ohne es beweisen zu müssen? Verstehst du?
Victor: Sehr gut.
Darja: Hermann, hilf mir bitte!

Hermann möchte das Schlafsofa in ein Bett verwandeln. Durch seine Betrunkenheit werden die Versuche zu Slapsticknummern. Darja gelingt es schließlich. Hermann lässt sich lachend in dieses Bett fallen.

Hermann: betrunken Komm ins Bett, Geliebte!
Darja: kichernd Hermann, bist du blöd?
Hermann: Gute Nacht!
Darja: Steh auf, Hermann!
Hermann: verschlafen Noch zehn Minuten!

Hermann schläft ein. Darja versucht, ihn zu wecken.

Darja: Entschuldigung! Bitte erzähl es nicht meiner Familie. Sie sollen nicht über ihn lachen.
Victor: Ich bin schuld.
Darja: Versprich es mir!
Victor: in einer fremden Sprache Ich verspreche es.
Darja: Du bist gekommen, um mir Glück zu bringen.
Victor: lachend Du sprichst wie eine Deutsche, aber denkst du auch so?
Darja: Hoffentlich muss er sich nicht übergeben.
Victor: Ich möchte mit dir reden. Jetzt gleich.
Darja: Also schläfst du im Schlafzimmer.
Victor: Ich halte mein Versprechen.

Er nimmt Hermann wie ein Kind auf den Arm und trägt ihn ins Schlafzimmer. Darja betrachtet ihn bewundernd. Victor kommt ins Wohnzimmer zurück. Darja verabschiedet sich hastig von ihm.

Darja: Ich wünsche dir eine gute Nacht!
Victor: in einer ausländischen Sprache Ich muss mit dir reden.
Darja: Jetzt bin ich zu müde. Ich werde sehr früh aufstehen. Beim Frühstück unterhalten wir uns.
Victor: Wie du willst. Ich muss dir von deiner Familie erzählen.
Darja: Morgen haben wir Zeit. Gute Nacht!

Darja schließt hinter sich die Schlafzimmertür. Victor stößt leise einen Fluch aus. Er trinkt aus der Schnapsflasche, nimmt eine Pistole aus seiner Manteltasche und versteckt sie unter dem Kopfkissen. Dann legt er sich angezogen auf das Bett.

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