Tuesday, November 15, 2005

1. Bild

Bootssteg am Steinhuder Meer. Im Hintergrund die Festungsinsel Wilhelmstein. Auf dem Steg, an einem Geländer lehnend, Hermann und Darja. Hermann schaut auf den See hinaus, Darja betrachtet Andenken Läden, Ausflugslokale und Räucheraalbuden.

Hermann: Urlaubsparadies für alte Leute.
Darja: Psst!
Hermann: Aasgeile Aale, Fisch frisch.
Darja: Eine Möwe!

Sie beobachtet den Flug des Vogels.

Hermann: Das Wasser ist trüb. Flach und schlammig. Das Meer, zweihunderttausend Jahre alt.
Darja: Ich kann Deutsch lesen, Deutsch schreiben und Deutsch sprechen. Seit gestern. Zweihunderttausend Jahre. Sie umarmt ihn lachend. Das stand auf dem Schild in der Festung. Und wem verdanke ich das? Er küsst sie. Sie küsst ihn mit Kommentar. Dir. Und dir. Nur dir. Von dir. Für dir.
Hermann: Dich. Für dich.
Darja: Pfür dir guat!
Hermann: In München warst du Französin. Weil ich Französisch nicht verstehe. Wollte schon aufgeben.
Darja: Meine ersten drei Sätze: mit französischem Akzent Schleich die, du bleede Kuah! Du greisliche Weedderhex, schau ganz schnull, dass hikummst, wo du hergekumma büst! Gscher di, du aolte Bißgurren. Ich bin aus Bayern.
Hermann: ernst Musste ich lachen! Französisch. Das war der Moment. Für uns. Sonst bin ich schüchtern. Seitdem bin ich glücklich.
Darja: Psst!
Hermann: Keine Angst, dass es aufhört. Es hört nicht auf. Zweihunderttausend Jahre mindestens. Glaub` mir!
Darja: Noch eine Möwe!

Sie verfolgt wieder den Flug des Vogels. Diesmal schaut er auch hin.

Hermann: Die hat unterwegs auf einem Schild gelesen: Steinhuder Meer. Statt salzigem Hering gibt's jetzt Aal fett und halbsüßen Karpfen.
Darja: Es sind zwei. Schau, sie fliegen zusammen. Vielleicht haben sie die Weite des Meeres nicht ausgehalten, sich Schutz gesucht im Wald am Wasser. Ein Nestpärchen wie wir. Etwas Wichtiges hat sie fortgetrieben.
Hermann: Die Meerenge.
Darja: lacht So etwas gibt es?
Hermann: Zwischen Niedersachsen und Großbritannien.

Alte Leute gehen vorbei.

Darja: Vielleicht fällt nächstes Jahr unser Tag wieder auf ein Wochenende, dann möchte ich das große Meer sehen.
Hermann: Ich weiß nicht, ob der Kalender das zulässt, weil es diesmal ein Sonntag ist.
Darja: Dann betrügen wir uns ein bisschen mit dem Datum, nehmen das davor, oder das danach.
Hermann: Nein, es muss genau der Tag sein. Ich beantrage Urlaub.
Darja: Das liebe ich an dir. Du bist korrekt. Und tust alles für die Liebe.
Hermann: Mach mich nicht verlegen. Denkst du, dass ich spießig bin?
Darja: Ich denke, dass du der liebevollste Mensch bist, den ich kenne. Liebevoller, wie eine Mutter zu ihrem Kind.
Hermann: Als.
Darja: Wie?
Hermann: Liebevoller, als.
Darja: Danke! Als.
Hermann: Ich finde schöner wie auch schöner als schöner als, aber schöner als ist grammatikalisch richtig und schöner wie grammatikalisch falsch.
Darja: Habe nicht verstanden.
Hermann: gespielt heftig Ich kann auch mal aus der Haut fahren. lacht.
Darja: Als Aal? Oder wie?
Hermann: lacht Das musst du dir bildlich vorstellen.
Darja: blass Sag es mir zuliebe bitte nicht mehr, ja?
Hermann: Ich schreib' es mir hinter die Ohren.
Darja: lacht Das hast du schon oft gesagt, das kenne ich. Nächstes Jahr sehe ich nach.
Hermann: Abgemacht!
Darja: Wenn du sagst, abgemacht, machst du es wirklich. Lieber nicht.
Hermann: Wenn man sich verlassen kann, ist das nicht schön?
Darja: Ja. Man weiß, was kommt.
Hermann: scherzhaft So sind wir Niedersachsen.
Darja: Treu, ein bisschen langweilig...
Hermann: Besser, als immer Stress wegen nichts.
Darja: Alle Feiern sind geplant. Man hat keine Lust und feiert trotzdem. Und wenn man Lust hat, keine Zeit.
Hermann: Lass uns nächstes Jahr ganz spontan unseren zweiten Hochzeitstag feiern, ja?
Darja: lacht Gute Idee. Ich plane das Spontane und du organisierst das Übrige, abgemacht?
Hermann: lacht Wenn du sagst, abgemacht, dann weiß ich nie...
Darja: Diesmal gilt es, ja? Wirklich. Ehrlich. Was soll ich denn noch sagen, dass du mir glaubst?
Hermann: Gut, abgemacht. Glaub' nicht, dass ich es vergessen werde.
Darja: Du hast das perfekte Gedächtnis. Überhaupt bist du der perfekte Mann.
Hermann: ernst Ich gebe mir Mühe.
Darja: Ach, du musst dir Mühe geben. Ich dachte, du bist es einfach.
Hermann: verlegen Ich meine,...du bist perfekter, an dich komme ich nicht heran.
Darja: umarmt ihn, verliebt Du bist es für mich. Du. Verstehst du, was das bedeutet?
Hermann: Ja.
Darja: Psst!
Hermann: Mpf.
Darja: Was?
Hermann: Ich konnte nicht schweigen. Etwas musste heraus.
Darja: Ausgerechnet: Mpf?
Hermann: Tut mir leid.
Darja: Besser, mpf, als gar nichts.
Hermann: Psst!
Darja: Mir ist nach Sprechen.
Hermann: Sprich!
Darja: Nein, doch nicht. Habe ich alles schon mehrmals gesagt.
Hermann: Bitte, bitte, bitte, sag es trotzdem! Ich kann nicht genug hören von dir.
Darja: Das ist nicht gut. Ich muss dich entwöhnen. Du wirst abhängig. Eine Sucht! Das schadet dir.
Hermann: Mir? Der Freiheit und Verbindlichkeit ausbalanciert wie ein Artist in der Zirkuskuppel sein Gleichgewicht?
Darja: Du darfst keine Schieflage bekommen. Oder willst du mein Baby sein? Ein weibischer Mann?
Hermann: Pah!
Darja: Nein, keine Gefahr. Du bist mein Held.
Hermann: verzieht schmerzhaft sein Gesicht Oh!
Darja: Was hast du?
Hermann: Ich habe Schmerzen in der Brust.
Darja: Tut es sehr weh?
Hermann: leise Das habe ich befürchtet.
Darja: Ist es das Herz?
Hermann: Mir wachsen Brüste. Kannst du mich beim BH - Kauf beraten?

Darja lacht erleichtert.

Darja: Wir warten ab, bis sie ausgewachsen sind. Dann kaufe ich dir ein Clownskostüm, extra weit.
Hermann: Ich soll eine Pappnase tragen? Niemals, ich lasse mich zur stolzen Zigeunerin umschulen und lerne Kunstreiten.
Darja: Ich, dein Bewunderer, fange dich auf, wenn du vom Pferd fällst.
Hermann: Das hast du nett gesagt. Würdest du das bitte mit ganz zärtlicher Stimme wiederholen?
Darja: Wenn du auf die Nase fällst, und die Nase blutet, küsse ich deine Augen und schmecke dein Blut.
Hermann: Gut! Ich lasse mich krankschreiben und wir machen uns mit meiner geschwollenen Nase ein paar schöne Tage auf Kosten des Zirkus.
Darja: Und was machen die anderen Artisten, ohne dich?
Hermann: Balancieren. Hauptsache wir haben ein paar schöne Tage, ohne den Zirkus.
Darja: Phantastische Idee! Lass uns heute Nachmittag Reiten gehen, damit du morgen zu Hause bleiben kannst.
Hermann: Wie falle ich glücklich vom Pferd?
Darja: Ja, wie fällt mein Held auf die Nase vom Pferd? Mit einer Maus. Die muss das Pferd erschrecken.
Hermann: Wo kriegen wir die Nase her? Ich meine, das Pferd? Und die Maus?
Darja: Wir fangen eine Maus! Ein Pferd finden wir auf dem Parkplatz. Wir fragen alle Rentner, wo es hier Mäuse gibt. Haben sie eine Maus?
Hermann: Im Kurcafè, wo beim Kaffeekränzchen Kuchen krümeln, da gibt es bestimmt welche. Am Boden zwischen den Gedecken auf der Sonnenterrasse kriechen wir eine Treibjagd auf kleine Krümelnager.
Darja: Guten Tag, essen sie ruhig weiter, wir suchen eine Maus.
Hermann: Ihh! Schock für die Mäusebande! Werden vom Gekreische erschreckt. Laufen panisch im Kreis herum. Fallen in Ohnmacht. Wir halten sie am Schwänzchen, sammeln alle ein.
Darja: Hermann!
Hermann: Das Jagdfieber steigt.
Darja: Also los, auf zur Treibjagd.
Hermann: Nach der Tragödie des Rattenfängers von Hameln, nun die Farce: die Mäusefänger von Steinhude! besinnt sich Geliebte, bei meiner Ehre, ich laufe lieber für eine blutige Nase absichtlich gegen einen Laternenpfahl, als arme Mäuse zu erschrecken. Ich ein Imperialist?
Darja: Das möchte ich sehen.
Hermann: Niemals! Es lebe das unterdrückte Mäusevolk und die Revolution! Wir erzählen dem Doktor, ich sei vom Pferd gefallen.
Darja: Das Pferd finde ich gut.
Hermann: Und den Laternenpfahl?
Darja: Peinlich! Mein Mann läuft gegen einen Laternenpfahl. Vielen Dank!
Hermann: Dann also morgen wieder in den Zirkus. Chaos, Geschichte und Deutsch.
Darja: Nein, lass uns heute Nacht auf zwei schwarzen Hengsten durch einen nebligen Wald galoppieren und Tautropfen trinken von den peitschenden Blättern der Zweige. Dabei passiert bestimmt etwas Übernatürliches.
Hermann: Wir versinken in einem Moor, oder werden von Wölfen verfolgt, gegen die wir mit einem Messer um unsere Leben kämpfen.

Darjas Gesichtsausdruck ändert sich, sie spricht mit veränderter Stimme.

Darja: Keine Wölfe. Wilde Hunde, ausgehungert, greifen an.
Hermann: Gefährlich, wenn sie sich zusammenrotten!
Darja: Wenn man verletzt ist, halb verschüttet liegt, hilflos unter einer eingestürzten Wand, wird ein ausgehungerter Straßenhund zum erbitterten Feind.

Schweigen.

Hermann: Ist dir nicht gut?
Darja: Was habe ich gesagt? Ich lese jeden Tag eine Zeitung. Hier gibt es Pferde und Wald. Niedersachsen ist bekannt für Pferde. Im bergigen Land gibt es Ziegen und Esel, im flachen Land Pferde. Liebst du dein Land?
Hermann: Wegen der Pferde? Nur Snobs können sich das leisten.
Darja: Nicht ein bisschen, Niedersachse?
Hermann: Der Wald ist krank genauso wie im fremden Land, darin sind wir international.
Darja: Kein Gefühl? Wie langweilig! Heimat tot?
Hermann: Futter für Geschichte. Die Landesgrenzen gibt's seit neunzehnhundertsechsundvierzig. Davor tausend Jahre Reich.
Darja: Die Festung im See? Die Stapel von Kanonenkugeln? Wer hat auf wen geschossen, Herr Lehrer der Geschichte ohne Heimat?
Hermann: Geschichte braucht Helden für ein Gefühl von Heimat. Die finde ich getrübt wie mein Gefühl zur Heimat.
Darja: Arme Mäusekolonie. Wenn Schwermütige auf dem Boden krabbeln, ist in Niedersachsen kein Platz auf Bürgersteigen.
Hermann: Seit Jahrhunderten Spielball fremder, machtpolitischer Interessen. Daher sind die Eingeborenen hier misstrauisch, vor allem gegen Fremde. Und für sich ein bisschen melancholisch. Das kommt vom Nieselregen. Die Festung Wilhelmstein gilt als "Defensivkunst", Militärstrategie des Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe. Sie ist ein Modell der von ihm propagierten "befestigten Landschaften". Damit meinte er die Perfektionierung der Defensiveinrichtungen. So sollte Krieg praktisch aufgehoben werden.
Darja: Und, hat's funktioniert?
Hermann: Ja, er wurde als Militärberater nach Portugal geholt. Weißt du, was sie hier erfunden haben?
Darja: Überirdische Bunker.
Hermann: Ein Unterwasserschiff, siebzehnhundertvierundsechzig! Das erste U-Boot der Menschheit wurde in Niedersachsen entworfen und sogar gebaut: im Winter siebzehnhunderteinundsiebzig/ zweiundsiebzig auf dem Wilhelmstein, unter strengster Geheimhaltung. Besatzung: acht Mann. Überwasserbewaffnung. Erprobte Tauchzeit: zwölf Minuten.
Darja: Hat die Besatzung überlebt?
Hermann: Das waren echte Niedersachsen.
Darja: lacht Und trotzdem sind sie schon nach zwölf Minuten wieder aufgetaucht?
Hermann: Ich finde das bemerkenswert. Begreifst du nicht? Im achtzehnten Jahrhundert!
Darja: Skurrile Ideen gab es zu jeder Zeit und überall. Kein Grund, sie ausgerechnet hier hervorzuheben.
Hermann: Wie bitte? Vergleichbares ist zu dieser Zeit in keinem Land der Erde geleistet worden.
Darja: Meinst du, weil es nicht überliefert wurde? Vielleicht fanden sie es woanders lächerlich, Männer in eine wasserdichte Tonne zu setzen und so lange im See zu versenken, bis sie darin beinahe ersticken.
Hermann: Willst du bestreiten, dass die Konstruktion eines U-Bootes für das achtzehnte Jahrhundert eine herausragende technische Leistung darstellt?
Darja: Ein geübter Taucher bringt es ohne Tauchtonne beinahe auf dieselbe Zeit. Zwölf Minuten! Jedes Kind spielt in der Badewanne U-Boot mit der Seife.
Hermann: Und wie viele bauen eines?
Darja: Selbstverständlich nur Wunderkinder aus Niedersachsen.
Hermann: Ob es dir gefällt oder nicht: diese Sensation geschah hier. Nicht in Bayern und nicht im Rest der Welt.
Darja: Skispringen wurde auch nicht im Flachland erfunden. Im Gebirge lachen die über dein U-Boot.
Hermann: Ach ja? Wer lacht denn heute über Juri Alexejewitsch Gagarin, erster Kosmonaut im Weltall? Sein Raumschiff war ungefähr eine Havanna Zigarrenkiste mit Raketenhilfsmotor, kubanisches Design. Trotzdem ist das Geschichte, Technikgeschichte, Weltgeschichte!
Darja: Du verteidigst deine Heimat. Also liebst du sie doch.
Hermann: Wer? Ich?
Darja: Lokalnationalist!
Hermann: Ich habe lediglich aus niedersächsischer Geschichte geplaudert.
Darja: Aber dein Humor ist international.
Hermann: Tiefschwarz, böse, sächsisch-britisch.
Darja: Wer sein Heimatland verehrt
Und Haus und Hof und Garten
Dem sind auch seine Freunde wert
Der lässt nicht auf sich warten.
Hermann: lacht Du schnappst Sprüche auf. Oder hast du das etwa selbst gereimt?

Darja zuckt die Schultern, grinst.

Darja: Aus dem Radio.
Hermann: Die Überfahrt zur Festung fand ich so romantisch: Segelboot ohne Segel, aber mit dieseligem Motorantrieb.
Darja: lacht etwas gequält Ich hatte mich darauf gefreut, leise segelnd über das Wasser zu gleiten.
Hermann: Leider in demokratischer Abstimmung von zwölf Touristen auf Kur, die sich gegenseitig beschatten, mit absoluter Mehrheit überstimmt. Die zur Erholung eilig über das Meer, durch die Festung, zurück ins Boot und selbstverständlich auch mit Motorkraft wieder zurück an Land hetzen.
Darja: Pünktlichkeit finde ich besonders rührend, wenn es keinen Grund gibt für rechtzeitiges Ankommen.
Hermann: Sie haben deutlich ein Ziel vor Augen: das Ende des Urlaubstages. Das wird garantiert nicht verfehlt. Zu später Stunde wird der Tag dann rückblickend positiv bewertet und abgehakt. Der gravierende Unterschied zum Arbeitstag: der Tag wird genauso abgehakt, aber schlechter bewertet. Urlaub muss schon etwas Besonderes sein.
Darja: Immer auf der Flucht. Wovor haben sie Angst?
Hermann: Alles muss funktionieren in Deutschland. Das gibt Sicherheit. Wozu den Augenblick im Augenblick genießen? Da kommen Gefühle auf. Es muss funktionieren. Und im Urlaub plötzlich nicht?
Darja: Wir werden hier mit niemandem sprechen und niemandem zuhören.
Hermann: Das muss auch nicht sein.
Darja: Man verbringt gemeinsam Zeit, wenn sich alle an der gleichen Uhrzeit orientieren. Als keine Uhr richtig ging, wie früher bei mir zu Hause, lachten wir darüber. Man muss lachen über die Unvollkommenheit der Welt!
Hermann: In Deutschland ist die Welt vollkommen. Da wird nicht gelacht.
Darja: lacht Ich möchte manche Leute auf der Straße fragen, wer sie beleidigt hat? Sie sehen so aus.
Hermann: lacht Bin ich auch so?
Darja: Nein, du bist ein Witz.
Hermann: Komisch, heißt das.
Darja: Danke, komisch.
Hermann: Du hast recht. So sind wir. Am gerissenen Schuhband hängen wir unsere Wut auf.
Darja: ernst Versprich mir, niemals so traurig zu werden, sonst ...

Schweigen.

Hermann: Sag schon!
Darja: ... töte ich dich.
Hermann: Keine Angst.
Darja: Wirklich?
Hermann: Du wirst nicht aufhören, über mich zu lachen.

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